25. November 2021

Der Wandel ist im Gange

Die Austauschorganisation Youth For Understanding setzt sich für Vielfalt und Gleichberechtigung ein
Autor*in: Knut Möller, Geschäftsführer YFU
Das Deutsche Youth For Understanding Komitee e.V. (YFU) hat Anfang des Jahres 2021 das FAIR SHARE Commitment unterzeichnet. In diesem Beitrag von Knut Möller, Geschäftsführer der Organisation, sollen das im Verein entwickelte Verständnis von Fairness erläutert und einige der konkreten Maßnahmen dargestellt werden, die ergriffen werden, um Fortschritte zu erreichen.
Lesedauer: 8 min

Knut Möller | Bildnachweis: YFU

Jugend- und Schüleraustausch: mehrheitlich weiblich, aber bisher männlich geführt

Seit Jahrzehnten ist die Mehrheit der Teilnehmer*innen an internationalen Austauschprogrammen weiblich. Schülerinnen sind zu mindestens 60% in der Überzahl, in manchen Jahren bilden sie mehr als eine Zweidrittel-Mehrheit. Auch der größte Teil der mehr als 4.000 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, die YFU in allen Teilen Deutschlands unterstützen, und der knapp 7.000 Mitglieder des Vereins ist weiblich. Und unter den derzeit 70 Angestellten der Bundesgeschäftsstelle des Vereins stellen Frauen mit einem Anteil von knapp 80 % die Mehrheit.

Die Führung des Vereins blieb jedoch lange in den Händen von Männern. Erst im Jahr 2017, nachdem der Verein schon 60 Jahre existiert hatte, wurde mit Rita Stegen die erste Frau zur Vorsitzenden gewählt. Zudem waren seit Mitte der 80er Jahre alle Geschäftsführer, mich eingeschlossen, ausnahmslos Männer.

FAIR SHARE – der Wandel ist im Gange

Dieses Missverhältnis wird (erst) seit Anfang des Jahrtausends thematisiert. Seitdem wurden durchaus Fortschritte erreicht: Derzeit sind vier der fünf Vorstandsmitglieder weiblich, darunter die Vorsitzende und die stellvertretende Vorsitzende. Im Jahr 2015 wurden zwei stellvertretende Geschäftsführerinnen benannt, vier der sieben Leiter*innen der Abteilungsteams in der Hamburger Bundesgeschäftsstelle des Vereins sind Frauen, und im Oktober 2021 wurde mit Mareike von Raepke eine zweite Geschäftsführerin ernannt. Gemäß des FAIR SHARE Index ist der Anteil der weiblichen Führungskräfte bei YFU aber noch nicht fair. Dieses Ziel soll und wird aber bald erreicht sein. Auch deshalb wurde intern nicht lange diskutiert, als wir entschieden, das FAIR SHARE Commitment zu unterschreiben und der Initiative beizutreten.

Strategie des Vereins – Bürgerschaftliches Engagement und Globale Verantwortung

Im Jahr 2020 hat YFU die Ziele der Organisation bestimmt und eine auf die nächsten fünf Jahre ausgerichtete Strategie beschlossen. Der Verein definiert sich darin als Teil der Zivilgesellschaft. Mit der Durchführung von Austauschprogrammen soll nicht nur teilnehmenden Jugendlichen die Möglichkeit gegeben werden, sich individuell weiterzuentwickeln – es werden auch gesellschaftliche und politische Ziele verfolgt. Die Begriffe Bildungsgerechtigkeit und Vielfalt nehmen dabei einen großen Raum ein, was durch die Forderung „Austausch für Alle“ ausgedrückt wird.

Bildungsgerechtigkeit und Vielfalt statt Diskriminierung und Ausgrenzung

Wir wissen, dass es mehrere, auch untereinander verknüpfte Diskriminierungskategorien gibt, die zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führen. Bei YFU wollen wir der Benachteiligung hinsichtlich aller dieser Dimensionen entgegenwirken. Das gilt für die Teilnehmer*innen unserer Austauschprogramme, für die Mitglieder der Führungsebene, für die Angestellten des Vereins sowie für die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen. In Bezug auf die Kategorie Gender glauben wir, schon recht weit gekommen zu sein. Dies lässt sich jedoch noch nicht für alle Dimensionen gleichermaßen sagen. Wir arbeiten gezielt daran, mehr Jugendliche aus sozialen Milieus zu erreichen, die nicht zu den privilegierten Klassen und Schichten unserer Gesellschaft gehören. Des Weiteren möchten wir die Beteiligung von u.a. People of Color, Menschen mit einer internationalen Familiengeschichte, mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten oder mit Behinderungen stärken und steigern.

Es wäre kurzsichtig, wenn unser Verein zwar in einem angemessenen und fairen Verhältnis von Frauen geführt wird, er aber nach wie vor den bisher privilegierten Milieus unserer Gesellschaft vorbehalten bliebe. Internationale Austauschprogramme, vor allem längere Aufenthalte im Ausland sind nicht nur ein faszinierendes Abenteuer; sie dienen dem Erwerb von Globaler Kompetenz. Sie werden von den über ein größeres ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital verfügenden Klassen auch benutzt, um den eigenen Status und Privilegien für ihre Nachkommen zu bewahren.1 Die Zielstellung „Austausch für Alle“ verstehen wir deshalb als Auftrag, Jugendlichen aus allen Milieus, Schichten und Klassen Zugang zum Erwerb Globaler Kompetenz zu verschaffen – einen „Fair Share of Global Education“.

Ursachen der sozialen Segregation

Es geht um Geld, wenn Kindern aus benachteiligten Verhältnissen der Zugang zu Globaler Bildung erschwert ist. Ohne materielle Unterstützung ist es Jugendlichen aus finanziell schwächeren und armen Familien nicht möglich, an Austauschprogrammen teilzunehmen. Stipendien sind deshalb eine wichtige und notwendige Voraussetzung für einen fairen Anteil an globaler Bildung für bisher Benachteiligte. Wir erleben jedoch oft, dass zur Verfügung stehende Stipendienmittel nicht abgerufen werden, weil es zu wenige Bewerbungen gibt. Hinreichende Voraussetzungen sind erst dann gegeben, wenn auch alle anderen, oft subtilen, aber wirksamen Zugangsbarrieren beseitigt sind (siehe www.zugangsstudie.de).

Eine der Voraussetzungen, die wir schaffen müssen, besteht darin, dass sich die soziale Zusammen­setzung der in Bildungseinrichtungen tätigen Menschen verändert. Das Motto „FAIR SHARE“ ist auch hier zutreffend: Die Gruppe der Mitarbeiter*innen muss so divers sein wie unsere Gesellschaft. Bisher ist dies bei YFU nicht der Fall – die Angehörigen der weißen, global orientierten, meistens akademisch ausgebildeten “Neuen Mittelklasse“2 bilden den weitaus größten Teil der Mitarbeiter*innen des Vereins. Sie prägen den Charakter und die Kommunikation der Organisation. Es gibt deshalb für Kinder mit einem anderen Hintergrund kaum Vorbilder, an denen sie sich orientieren können; die Peer-to-Peer-Vernetzung, die die Bildungsarbeit des Vereins so erfolgreich macht, funktioniert hier häufig nicht.

Austausch für Alle – die eigene Organisation muss sich verändern

Wir wissen, dass wir die soziale Zusammensetzung des Vereins und seine Organisationskultur, nicht über Nacht verändern können, indem ein Schalter umgelegt wird. Wir sind aber entschlossen, diesen Weg zu gehen. Einer der Schritte besteht darin, dass wir im Sommer 2021 ein mit Mitteln des BMFSFJ gefördertes Projekt begonnen haben, in dessen Rahmen wir die demographische Zusammensetzung der Teilnehmer*innen unserer Programme wissenschaftlich untersuchen lassen. Darauf basierend sollen Empfehlungen für Maßnahmen erarbeitet werden, um Jugendliche und potenzielle Mitarbeiter*innen aus sog. „bildungs- und austauschfernen“ Milieus besser zu erreichen.

FAIR SHARE – eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft

Im Sinne der Intersektionalität verstehen wir die Devise „FAIR SHARE“ als umfassende Aufgabe. Gesellschaftliche Institutionen und Organisationen der Zivilgesellschaft wie YFU müssen Vielfalt und Gerechtigkeit auf allen Ebenen gewährleisten. Um dies zu erreichen, würden wir uns über einen Erfahrungsaustausch mit Organisationen freuen, die in anderen Bereichen der (Zivil-) Gesellschaft die gleichen Ziele verfolgen. Zudem richten wir gemeinsam mit dem Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch (AJA) im Herbst 2022 eine Fachkonferenz Jugend- und Schüleraustausch aus, die das Schwerpunktthema Bildungsgerechtigkeit haben wird. Foren wie dieses treiben den Diskurs voran, der dringend benötigt wird.

1
Klassenlage und transnationales Humankapital – Wie Eltern ihre Kinder auf die Globalisierung vorbereiten, Jürgen Gerhards, Silke Hans, Sören Carlson, Springer, 2016
Das Ende der Illusionen – Politik Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Andreas Reckwitz, Suhrkamp, 2019
Mythos Bildung- Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft, Aladin El-Mafaalani, Kiepenheuer und Witsch, 2020
2
Die Gesellschaft der Singularitäten, Andreas Reckwitz, Suhrkamp 2017

Das FAIR SHARE Commitment

Wir laden alle zivilgesellschaftlichen Organisationen dazu ein, das FAIR SHARE Commitment zu unterschreiben. Mit dieser Unterschrift bekennen sich die Organisationen öffentlich zu dem Ziel, ihre Führungsetagen bis spätestens 2030 geschlechtergerecht aufzustellen. Darüber hinaus gewährt die Unterschrift Zugang zu einer Community aus Vorreiter*innen und exklusiven Programmen von FAIR SHARE.